Zusammenfassung eines neuen Buches, das unter Mitwirkung eines unserer aktiven Mitglieder entstand.
Zum Umgang mit Macht und Herrschaft – Apologie der Demokratie
Interdisziplinäre Perspektiven auf die Fragilität demokratischer Systeme
Herausgeber: Heinz Barta, Martin Lang, Gerhard Mangott, Günther Pallaver, Eva Ramminger, Elsbeth Wallnöfer
Verlag / Jahr: Studia Verlag Innsbruck, 2026, ISBN: 978-3-99105-081-0
Ist die moderne Demokratie an ihrer eigenen Trägheit erkrankt? Welchen Gefahren ist sie ausgeliefert / liefert sie sich aus? Der 2026 erschienene Tagungsband widmet sich einer der drängendsten Fragen des 21. Jahrhunderts: der zunehmenden Fragilität der liberalen Demokratie unter dem Druck von Autokratisierung, Populismus und digitaler Transformation. Die interdisziplinär angelegte Publikation spannt einen weiten historischen und theoretischen Bogen – von den partizipativen Strukturen des Alten Orients und der klassischen griechischen Antike bis hin zu den aktuellen Krisenherden der Moderne, insbesondere dargelegt auch anhand des autokratischen Systems Russlands.
Der neue Band untersucht die Entstehung und Gefährdung von Freiheit. Er beleuchtet fünf zentrale Beiträge und zeigt, warum das größte Risiko für unsere Gesellschaft heute in einem Zuwenig an echter Mitsprache liegt. Ein Weckruf für eine wachsame Zivilgesellschaft.
„Die Demokratie ist immer gefährdet. Die Ursache ihrer Bedrohung ist aber immer ein Zuwenig, niemals ein Zuviel an Demokratie. Das Fehlen von Demokratie in wesentlichen Sektoren der Gesellschaft macht die Gefahr aus und nicht etwa das Vordringen von Demokratie.“ Anton Pelinka, Dynamische Demokratie (1974) – als Leitmotiv dem Band vorangestellt
Zusammenfassung der Kernaussagen der 5 zentralen Beiträge
1. Demokratie im Dauerstress & neue technologische Bedrohungen (Günther Pallaver)
Pallaver liefert das theoretische Fundament, indem er Macht als Durchsetzungsfähigkeit und Herrschaft als institutionalisierte, legitimierte Macht definiert. Er konstatiert eine weltweite Krise: Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten gibt es global mehr geschlossene (autoritäre) als liberale Systeme. Besonders innovativ ist seine Warnung vor dem „Cloud-Feudalismus“ großer Tech-Monopole und der politischen Automatisierung durch Künstliche Intelligenz (KI). Wenn Regierungen zunehmend Entscheidungen an Algorithmen auslagern, droht eine schleichende Entmachtung der Bürger. Pallaver fordert als Gegenmodell die Etablierung virtueller Bürgerkammern zur KI-Kontrolle und die Revitalisierung eines leidenschaftlichen „furor democraticus“. Zudem stellt er dem klassischen imperialen Leitsatz ein neues Paradigma gegenüber: „Si vis pacem, para democratiam“ (Wenn du Frieden willst, bereite die Demokratie vor).
2. Die Dekonstruktion der „orientalischen Despotie“ (Martin Lang)
Lang räumt in seiner historischen Fallstudie gründlich mit dem eurozentrischen Klischee einer absolutistischen, rein despotischen Herrschaft im Alten Orient auf. Am Beispiel mesopotamischer und nordsyrischer Stadtstaaten (wie Mari und Ekalte) aber auch der phönizischen Küste (heut. Libanon) weist er nach, dass monarchische Strukturen essenziell an korporative und partizipative Gremien – wie den Rat der Stadtältesten oder Volksversammlungen – rückgebunden waren. Diese Gremien besaßen hoheitliche Kompetenzen im Finanz-, Rechts- und sogar Außenwesen. Lang argumentiert, dass die Entstehung der athenischen Demokratie im ägäischen Raum nicht isoliert stattfand, sondern sich durch mimetische Diffusion in eine jahrtausendealte Tradition vorderorientalischer Volksbeteiligung einschreibt. Und ganz grundsätzlich: Wenn Institutionen aufhören, die Kommunikation von unten nach oben offen zu halten, gerät jegliche Herrschaft in eine Tyrannei.
3. Die Bindung an das weltliche Gesetz (Heinz Barta)
Barta beleuchtet den Beitrag der griechischen Antike, insbesondere die Solonische Rechtsreform (Eunomía – Maßhalten und Wohlgeordnetheit). Das fundamentale Vermächtnis der Griechen liegt im Übergang von theokratischen/absoluten Herrschaftsformen des Ostens hin zu einer säkularen Proto-Rechtsstaatlichkeit. Nicht mehr ein gottgleicher Fürst fordert Treue, sondern die Bürger sind an das Gesetz gebunden („König Nomos“). Durch die Etablierung funktional verknüpfter Institutionen (Volksversammlung, Volksgericht, Rat) schufen die Griechen ein strukturelles Kontrollmodell („Insektenauge“), das bis heute als westliches Grundmodell für Gewaltenteilung dient.
4. Populistische Verführung und Begriffsmanipulation (Elsbeth Wallnöfer)
Wallnöfer widmet sich in ihrer kulturwissenschaftlichen Analyse der Bedrohung der Demokratie von innen heraus durch strategische Verführungskunst. Sie untersucht akribisch, wie rechtspopulistische Bewegungen Sprache instrumentalisieren, um demokratische Institutionen systematisch zu delegitimieren. Im Zentrum steht der Missbrauch von identitären Kampfbegriffen wie dem des „Volkskanzlers“. Wallnöfer zeigt auf, dass solche Begriffe eine vermeintlich unmittelbare, homogene Einheit von Volk und Führung suggerieren, die den pluralistischen Kern und die rechtsstaatlichen Kontrollmechanismen der repräsentativen Demokratie gezielt aushebeln soll.
5. Die Reversibilität der Demokratie am Fallbeispiel Russland (Gerhard Mangott)
Mangott liefert eine prägnante, politikwissenschaftliche Fallstudie über die fundamentale Umkehrbarkeit (Reversibilität) demokratischer Transitions- und Konsolidierungsprozesse. Er zeichnet detailliert nach, wie die fragilen demokratischen Gehversuche Russlands in den 1990er-Jahren unter Wladimir Putin schrittweise rückabgewickelt und in eine repressive Diktatur transformiert wurden. Über ideologische Zwischenschritte wie das Konzept der „souveränen Demokratie“ und die weitreichende Verfassungsreform von 2020 wurde die autokratische Herrschaft institutionell zementiert. Die totale Repression der Opposition und Zivilgesellschaft im Zuge des Ukraine-Kriegs markiert dabei den Endpunkt einer vollständigen inneren Aushöhlung demokratischer Strukturen. Mangott konstatiert aber auch ganz grundsätzlich ein Phänomen, nämlich den Rückbau und Gefährdung demokratischer Strukturen durch Einsatz staatlicher Ressourcen zur Bekämpfung der Opposition.
Fazit der Besprechung
„Zum Umgang mit Macht und Herrschaft“ ist eine historisch tief fundierte „Verteidigungsschrift“ (Apologie) der demokratischen Idee. Die zentrale Erkenntnis des Bandes lautet: Demokratie ist kein stabiler Endzustand, sondern ein dynamischer, sehr anstrengender Prozess (democratia semper reformanda), der auf einer lebendigen politischen Kultur, Institutionenvertrauen und offener zweiseitiger Kommunikation basiert. Das Buch macht unmissverständlich klar, dass das größte Risiko für die moderne Demokratie in ihrer eigenen Trägheit und der unkontrollierten Auslagerung von Macht an digitale Oligopole oder algorithmische Systeme liegt.
Eine Lektüre für alle, die – freilich niemals erschöpfend – die historischen Wurzeln und aktuellen Bruchlinien unserer politischen Ordnung verstehen wollen.
