„Niemals vergessen!“ – Erinnerungstage im November

Presseaussendung der GGI-Initiative am 09.11.2023

Der November dient der Erinnerung an die unermesslichen Grausamkeiten der Judenverfolgung, beginnend mit der Reichskristallnacht 1938. Heute jährt sich auch zum 100. Mal der erste Versuch Hitlers zur Machtübernahme mit einem Putsch in München. Erinnern wir uns und vergessen wir nicht.

Vor 100 Jahren: Hitler putscht in Bayern

Bayern war in den 1920er Jahren besonders anfällig für antidemokratische Strömungen. Rechtsgerichtete Koalitionsregierungen mit eher reichsfeindlicher Gesinnung prägten die bayrische Innenpolitik. Adolf Hitler als Vorsitzender der NSDAP gründete mit Erich Ludendorff, dem ehemaligen Stabschef der Heeresleitung, den „Deutschen Kampfbund“, der eine nationale Diktatur zur inneren Reinigung Deutschlands errichten und Deutschland damit wieder als Weltmacht etablieren wollte. In Bayern herrschte 1923 Ausnahmezustand aufgrund vieler innerer Konflikte. Diese angespannte Situation nutzte Hitler mit seinen Gefolgsleuten, um in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 einen Putsch in München anzuzetteln. Dazu wurde eine Kundgebung des Generalstaatskommissars Gustav Ritter von Kahr im Münchner Bürgerbraukeller am Abend des 8. November gestürmt und das Lokal die Nacht über besetzt. Am 9. November zu Mittag folgte ein Marsch zur Feldherrnhalle, um dort die Staatsgewalt an sich zu reißen. Das Ziel war die Machtergreifung durch die NSDAP sowie die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Der Umsturzversuch endete im Kugelhagel und scheiterte blutig. Hitler wurde des Hochverrats angeklagt. Aufgrund seiner rhetorischen Fähigkeiten wurde er nur zu 5 Jahren Haft verurteilt. Ende 1924 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. (1)

Vor 85 Jahren: Reichskristallnacht

Die November-Pogrome 1938 markieren den Übergang von der Diskriminierung der Juden ab 1933 bis zu ihrer systematischen Unterdrückung, Vertreibung und schließlich dem Holocaust ab 1941.

In der Nacht von 9. auf den 10. November 1938 initiierte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ein Pogrom im ganzen deutschen Reich gegen die jüdische Bevölkerung als Vergeltung auf das Attentat eines 17-jährigen Juden auf einen NSDAP-Beamten in Paris.

In Wien dauerten die November-Pogrome mehrere Tage. 42 Synagogen und Bethäuser wurden verwüstet, tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden „arisiert“, geplündert, zerstört und beschlagnahmt. Viele Juden wurden dabei ermordet, einige begingen Suizid. 6.547 Wiener Juden kamen in Haft, fast 4.000 von ihnen wurden ins Konzentrationslager nach Dachau deportiert. Auch in den Bundesländern passierte ähnliches. (2)

Systematische Judenverfolgung und -vernichtung

Schon zu Beginn der 1930er Jahre wurden zunehmend Gesetze zum systematischen Ausschluss der jüdischen Bevölkerung beschlossen. 1933 etwa wurde ein Berufsverbot für jüdische Ärzte, Juristen und Polizisten verhängt. Sie durften auch keinen Sportvereinen mehr beitreten. Ab 1935 durften sie nur mehr auf gekennzeichneten Parkbänken sitzen und auch nicht mehr in großen Gruppen spazieren gehen. Am 12. November 1938 wurde unter dem Vorsitz von Hermann Göring, dem Beauftragten für den Vierjahresplan zur „Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“, eine Verordnung beschlossen, die Juden verbot, ein selbständiges kaufmännisches Unternehmen bzw. Handwerk zu betreiben. Ab 1938 wurde ihnen von den Nazis ein „J“ für „Jude“ in den Reisepass gestempelt, von manchen wurde der Pass ganz einbehalten und sie durften das Land nicht mehr verlassen. Juden wurden dazu verpflichtet, einen zweiten Vornamen zu tragen (Sara für Frauen und Israel für Männer). Sie durften nur mehr jüdische Schulen besuchen, nicht mehr ins Theater, Kino oder Museum gehen und auch in keine Schwimmbäder. Ab 1939 durften sie kein Radio mehr besitzen und nicht mehr in allen Geschäften einkaufen. Es wurden Ausgangsverbote verhängt – im Sommer mussten sie ab 21 Uhr zu Hause sein, im Winter ab 20 Uhr. Ab 1940 war ihnen das Telefonieren untersagt und das Einkaufen nur mehr zwischen 16 und 17 Uhr erlaubt. 1941 mussten sie ihre Fahrräder und Kameras abgeben und immer einen gelben Stern mit der Aufschrift „Jude“ tragen. (3) Der endgültige Entschluss zur Ermordung aller Juden im deutschen Machtbereich fiel im Sommer 1941. Als Endlösung sollte Europa judenfrei werden. Juden und Jüdinnen wurden in der Folge systematisch deportiert und ermordet, ab 1942 auch mit industriellen Methoden.

Die Lehren aus dem II. Weltkrieg

1948 wurde – um zukünftig derartige Kriege und Unmenschlichkeiten zu verhindern – die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Art 1 hat folgenden Wortlaut:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Bewusst hat man sich damals dafür entschieden, nicht auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe abzustellen, sondern die Gleichwertigkeit aller Menschen dieser Erde zu betonen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Die Mechanismen, die zu Krieg, Gewalt und Terror führen, bleiben die gleichen, doch die (Volks-)Gruppen, die davon betroffen sind, sind beliebig austauschbar. Diskriminierung, Entmenschlichung und Dämonisierung stehen am Anfang dieser gefährlichen Entwicklungen. Daher liegt es in der Verantwortung aller Menschen, bereits in den Anfängen vehement dagegen aufzustehen. Das ist unsere historische Verantwortung.

Stilles Erinnern

Als Erinnerung an die Deportierten und die unfassbaren Grausamkeiten des Nazi-Regimes haben wir mit Madeleine Petrovic am 08.11.2023 beim Mahnmal im Leon-Zelman-Park (Wien, ehemaliger Aspangbahnhof) eine Kerze entzündet. Petrovic meint dazu:

“Vor genau hundert Jahren wurde der Hitler-Putsch noch vereitelt. Zurückblickend hatte es eine große Chance gegeben, die Nazi-Verbrechens-Diktatur zu verhindern; sie wurde verspielt, weil die traditionellen politischen Kräfte nicht mehr in der Lage waren, das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen. Diese Lehre aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kann gar nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden.”

Das Mahnmal Aspangbahnhof erinnert mit symbolischen Schienen aus Beton an 47.035 Deportierte. „Es ist nicht zulässig zu vergessen, es ist nicht zulässig zu schweigen. Wenn wir schweigen, wer wird dann sprechen?“, ist dort auf einer Tafel in deutscher, englischer und hebräischer Sprache zu lesen. (4)

Quellen

(1) Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Hitlerputsch 8./9.11.1923, online 2023: https://www.lpb-bw.de/hitlerputsch

(2) Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes: Der November-Pogrom (“Reichskristallnacht”), online 2023: https://www.doew.at/erkennen/ausstellung/1938/die-verfolgung-der-oesterreichischen-juden/der-novemberpogrom-reichskristallnacht

(3) Anne Franz Zentrum: Lernmaterialien. “Ein ganz normaler Tag” – Antijüdische Gesetze und Verordnungen, online 2023: https://www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion/Themenfelder/Antisemitismus_entgegenwirken/Dokumente/arbeitsmethoden-antisemitismus_7-2.pdf

(4) Wien Geschichte Wiki: Mahnmal Aspangbahnhof, online 2023: https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Mahnmal_Aspangbahnhof

Fotos: (c) GGI https://ggi-initiative.at/wp/wp-content/uploads/2023/11/Aspangbahnhof.jpg

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