Hyperscale-Rechenzentren: Wem dienen sie eigentlich?

Gastbeitrag von Andreas S. in Zusammenarbeit mit unseren GGI-Aktivisten

Darf ein Jäger schießen, wenn er nicht sicher weiß, ob er das begehrte Wild vor sich hat – oder den Nachbarn? Nein, niemals. Dass er sich das Wild wünscht, macht den Schuss keinesfalls vertretbar.

In Österreich entstehen aktuell neue Rechenzentren in einer Größe und einem Umfang, wie es sie bisher nicht gegeben hat. Das sind keine gewöhnlichen Rechenzentren: Die rund 50 bestehenden verbrauchen zusammen etwa 1,4 Terawattstunden Strom im Jahr. [1] Das Google-Rechenzentrum in Kronstorf allein könnte im Vollausbau bis zu 4,4 Terawattstunden brauchen – rund dreimal so viel. [2] Weitere Großprojekte sind geplant, etwa in Leopoldsdorf. [3]

Gestritten wird darüber seit Monaten: über Wasser, Strom, Boden und die Umweltverträglichkeitsprüfung. Die wohl wichtigste Frage wird nur teilweise diskutiert, aber kaum jemand verbindet sie mit den Anlagen, die gerade neu entstehen: Weiß oder diskutiert überhaupt jemand mit der Bevölkerung, wohin diese Entwicklung führt – und wofür dort gerechnet wird? Nein? Dann sollten wir damit beginnen.

Weiß jemand, wohin das führt?

Gebaut werden diese Anlagen für Künstliche Intelligenz (KI) – Google begründet Kronstorf ausdrücklich damit. [4] Über die Risiken dieser Technologie sind sich nicht einmal die Fachleute einig, geschweige denn, dass die Bürger darüber informiert sind und eingebunden wären.

Anfang September 2026 kündigte Jacob Coxon, der bei OpenAI und Anthropic an KI-Modellen gearbeitet hatte, seinen Job mit der Warnung, die Entwicklung könne „bis Ende nächsten Jahres bereits außer Kontrolle“ sein. [5] Andere halten das für Übertreibung oder Kalkül: „Dabei ist die Panik auch ein Geschäftsmodell der KI-Entwickler“, merkt Der Standard an. [6] Kurz darauf forderte Anthropic-Chef Dario Amodei selbst eine koordinierte Pause der KI-Entwicklung. US-Präsident Trump wies die Warnungen zurück: „Sie bringen Dinge zur Sprache, die nicht passieren werden.“ [7]

Wer recht hat, weiß heute niemand – und genau das ist das Problem. Sind die Warnungen echt, braucht es Vorsorge. Sind sie Inszenierung, stellt sich umso dringender die Frage, wem sie nützt und wofür die Rechenleistung tatsächlich gebraucht wird.

Wofür wird gerechnet?

Google arbeitet auch für das Militär. 2025 erhielt der Konzern vom US-Verteidigungsministerium einen KI-Auftrag über bis zu 200 Millionen Dollar. [8] In Deutschland arbeitet Google Cloud mit der BWI zusammen, dem IT-Dienstleister der Bundeswehr. [9] Ob in Kronstorf militärisch gerechnet werden soll, ist nicht bekannt. Ausgeschlossen ist es nicht.

Was für den Jäger gilt, gilt auch für einen Soldaten im Krieg: Er darf nicht unkontrolliert oder auf bloßen Verdacht hin schießen, wenn er sein Ziel nicht genau erkennt. Es gilt das Völkerrecht. Kein Mensch darf gefährdet werden – die Prüfung muss vorher geschehen, nicht danach.

Österreich ist zur immerwährenden Neutralität verpflichtet. Wird eine solche Anlage militärisch genutzt, kann sie im Konfliktfall zum Angriffsziel werden – und mit ihr die Region rundherum.

Land und Politik werben mit „digitaler Souveränität“. Doch Google ist ein US-Konzern: Über Gesetze wie den CLOUD Act können amerikanische Behörden von amerikanischen Konzernen Daten verlangen – auch dann, wenn diese in Europa gespeichert sind.

Wem nützt es?

Die Politik wirbt mit Arbeitsplätzen und Wertschöpfung. In den Rechenzentren selbst arbeiten jedoch wenige Menschen: rund 40 bei Microsoft rund um Wien [10], in Kronstorf selbst laut Google höchstens 100 [4]. Die großen Zahlen aus den Ankündigungen – 29.000 Jobs bei Microsoft [11], bis zu 15.000 bei Google [12] – sind Hochrechnungen samt Kunden, Partnern und Zulieferern. Ein Experte von PwC hält fest: „Der wirtschaftliche Effekt wird nicht so groß, wie Google ankündigt.“ [13] Hyperscale-Rechenzentren schaffen also kaum Jobs. Sie liefern aber die Rechenleistung für eine Technologie, die viele Arbeitsplätze ersetzen kann.

Wie Digitalkonzerne ihre Gewinne aus Österreich verschieben, zeigt das Werbegeschäft: Die Einnahmen von Google, Meta und TikTok fließen an Töchter in Niedrigsteuerländern wie Irland – dem österreichischen Staat entgingen dadurch laut einer Recherche von Kollektor allein 2024 rund 200 Millionen Euro an Steuern. [14] Den Gemeinden bleiben geringe Grund- und Kommunalsteuern. [15] Österreich liefert dafür Strom, Wasser und Boden – allein der Strombedarf von Kronstorf entspräche fast einem Drittel des Verbrauchs von ganz Oberösterreich. [2] Zur Kühlung darf Google laut Wasserrechtsbescheid bis zu 202,78 Liter Wasser pro Sekunde entnehmen und bis zu 98,89 Liter pro Sekunde, auf bis zu 30 Grad erwärmt, in die Enns zurückleiten. [16] Richtig ist: Heimische Firmen profitieren vom Bau. Das ist real – aber einmalig. Der Abfluss der Gewinne ist dauerhaft.

Wer sind die Verantwortlichen?

In Kronstorf sah die unabhängige Umweltanwaltschaft schon 2020 eine UVP-Pflicht und wurde von der Landesbehörde überstimmt. [17] Am 23. September 2026 erklärte das Land OÖ den damaligen Bescheid für rechtskräftig, auch für den Vollausbau. Neu entscheiden könne man nur, wenn der Gesetzgeber das ausdrücklich vorsieht. [18] Das derzeitige UVP-Gesetz ist für Projekte wie die riesigen geplanten Rechenzentren weder geeignet noch auf sie ausgerichtet.

Dann hat der Gesetzgeber es eben vorzusehen. Dass ein Projekt wie Kronstorf ohne UVP-Verfahren durchgewunken wurde, darf nicht heißen, dass es unabänderlich ist. Es ist nicht Aufgabe von Bürgerinnen, Bürgern und Bürgerinitiativen, Fehler bei genehmigten Projekten zu beheben. Die Verantwortung tragen jene, die genehmigt haben, und jene, die die Gesetze machen. Wenn eine Gefahr droht und man kein geeignetes Regelwerk hat, um die Gefahr zu erkennen und sie abzuwenden, dann muss Einhalt geboten werden, bis man dazu in der Lage ist.

Und selbst das beste UVP-Gesetz – eine Novelle ist seit 21. September 2026 in Begutachtung [19] – prüft nur die Auswirkungen auf Umwelt und Menschen. Wofür gerechnet wird, wer Zugriff auf die Daten hat, welche unerwünschten Nebenwirkungen auf Wirtschaft und Arbeitsplätze auftreten könnten und was das für die österreichische Neutralität bedeutet, prüft es nicht.

Jeder weitere Bauabschnitt, der genehmigt wird, bevor alle Fragen unabhängig geklärt sind, schafft Fakten, die sich später nur schwer und teuer rückgängig machen lassen.

Vorsorge statt Wunschdenken

Das Vorsorgeprinzip ist in den EU-Verträgen verankert (Art. 191 AEUV): Nicht die Bürgerinnen und Bürger müssen beweisen, dass etwas gefährlich ist. Wer baut, muss beweisen, dass es unbedenklich ist. Solange das nicht geschehen ist, gilt für Rechenzentren, was für den Jäger gilt: nicht bauen und nicht schießen.

Deshalb: Jetzt stoppen. Dann prüfen – umfassend, unabhängig und öffentlich diskutiert. Dann, und nur dann, weiterbauen.

Der Widerstand der Bürgerinnen und Bürger wächst: Die Petition zum Rechenzentrum Kronstorf hat zehntausende Unterschriften, es gab mehrere Demonstrationen, in Stetten hat sich eine neue Bürgerinitiative gegründet, und in Leopoldsdorf läuft eine Petition.

Wir fordern daher:

– einen sofortigen Baustopp für alle Hyperscale-Rechenzentren und keine neuen Genehmigungen, bis alle offenen Fragen unabhängig geklärt sind – in einem Verfahren, dessen Ergebnis nicht von vornherein feststeht;

– die Offenlegung, wer die Rechenleistung nutzt und wofür, einen verbindlichen Ausschluss militärischer Nutzung und eine Prüfung, ob die Projekte mit der Neutralität vereinbar sind;

– ein Prüfinstrument, das Umwelt, Gesellschaft und Sicherheit umfasst – mit regelmäßiger Nachprüfung.

Wir rufen Medien, Politik und Öffentlichkeit auf, genau das einzufordern.

Bitte Text gerne teilen und weiterleiten.

Rückfragehinweis:

MMag. Dr. Elisabeth Thaler, Grüner Verein für Grundrechte und Informationsfreiheit (GGI)
e.thaler@gmx.net

Andreas S., Autor und Rechercheur (Name der Redaktion bekannt)
buergermeinung@proton.me

Quellen

[1] Rechenzentren in Österreich (report.at, 21.01.2026):

https://www.report.at/markt/rechenzentren-wenig-wasser-viel-wachstum

[2] Strombedarf Kronstorf, Verbrauch Oberösterreich (ooe.ORF.at, 18.07.2026):

https://ooe.orf.at/stories/3363220

[3] Rechenzentrum Leopoldsdorf (noe.ORF.at, 11.09.2026):

https://noe.orf.at/stories/3370714

[4] Erstes Google-Rechenzentrum in Österreich (Google, 23.04.2026):

https://blog.google/intl/de-de/unternehmen/inside-google/erstes-rechenzentrum-oesterreich

[5] Kündigung Coxon, Zitat laut Wall Street Journal (Forbes, 09.09.2026):

https://www.forbes.com/sites/siladityaray/2026/09/09/anthropic-alignment-lead-warns-ai-could-kill-all-humans-as-researcher-quits

[6] Kündigung Coxon, Einordnung (Der Standard, September 2026):

https://www.derstandard.at/story/3000000339036/anthropic-forscher-kuendigt-weil-er-die-ausloeschung-durch-ki-erwartet

[7] Amodei fordert Pause, Weißes Haus widerspricht (news.ORF.at, September 2026):

https://orf.at/stories/3442062

[8] KI-Auftrag des US-Verteidigungsministeriums an Google (Google, 2025):

https://cloud.google.com/blog/topics/public-sector/google-public-sector-awarded-200-million-contract-to-accelerate-ai-and-cloud-capabilities-across-department-of-defenses-chief-digital-and-artificial-intelligence-office-cdao

[9] Zusammenarbeit Google Cloud und BWI (BWI):

https://www.bwi.de/magazin/artikel/google-cloud-und-bwi-geben-partnerschaft-bekannt

[10] Microsoft-Rechenzentren in Österreich (Microsoft, 2025):

https://local.microsoft.com/wp-content/uploads/2025/10/Microsoft-datacenters-in-Austria-LOCALIZED.pdf

[11] Microsoft-Ankündigung 2020 (news.ORF.at, 20.10.2020):

https://orf.at/stories/3185933

[12] Google-Ankündigung 2022 (Invest in Austria, 13.11.2022):

https://investinaustria.at/news-events-presse/neuer-google-standort-in-oesterreich-15000-jobs-bis-2030

[13] PwC-Experte zum Standorteffekt (ooe.ORF.at, 04.08.2026):

https://ooe.orf.at/stories/3365542

[14] Wie internationale Digitalkonzerne in Österreich mit Werbung Milliarden umsetzen – und fast keine Steuern zahlen (Kollektor, April 2025):

https://www.kollektor.org/wp-content/uploads/2025/07/Dossier-Internationale-Digitalkonzerne-in-Oesterreich.pdf

[15] Was Rechenzentren der Wirtschaft bringen (profil, 11.08.2026):

https://www.profil.at/wirtschaft/rechenzentren-das-bringen-sie-der-wirtschaft-wirklich-google-microsoft/403182132

[16] Wasserentnahme wird mehrfach geprüft (ooe.ORF.at, 20.08.2026):

https://ooe.orf.at/stories/3367808

[17] Umweltanwaltschaft sah 2020 UVP-Pflicht (science.ORF.at, 16.09.2026):

https://science.orf.at/stories/3237344

[18] Bescheid rechtskräftig (ooe.ORF.at, 23.09.2026):

https://ooe.orf.at/stories/3372374

[19] UVP-Novelle in Begutachtung (news.ORF.at, 21.09.2026):

https://orf.at/stories/3442821

(Artikel nochmals überarbeitet am 26.9.2026)

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